Nicolaus Hagg – Schauspieler & Autor

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Pressekritiken

„Strudlhofstiege“
Die Presse (Barbara Petsch), 06.07.2009

Südbahnhotel: „Strudlhofstiege“ ohne Strudelteig

Die Festspiele Reichenau zeigen eine szenische Fassung von Doderers Monumentalroman: In Maria Happels Regie, ein fulminantes Theaterereignis.

Sommerfrische-Atmosphäre im Südbahnhotel am Semmering. Gerade hat es noch geregnet. Nun scheint die Sonne durch die Fenster des Foyers. Dort begann Sonntagnachmittag Heimito von Doderers „Strudlhofstiege“. „Das Nonplusultra österreichischer Lebenshaltung“ nannte die Kritikerin Hilde Spiel (1911–1990) dieses 1951 erschienene Werk: „Hier ist, wie in einem gewaltigen Spiegel, die letzte mürbe Reife einer jahrhundertealten Kultur eingefangen. Aber der Spiegel maskiert nur eine Tür, die ins Schloss gefallen ist“. Ist sie ins Schloss gefallen? So viel anders als die Schauspieler, die durch den Raum eilen oder auf einem Podest die Aufführung beginnen, sieht das Publikum auch nicht aus, und es hat wohl auch ähnliche Probleme wie die Menschen im Roman.

Über 900 Seiten hat „Die Strudlhofstiege“. Sie spielt kurz vor und nach dem I. Weltkrieg, behandelt teilweise die Geschichte der Familie Doderer und ist nur unter Aufbietung äußerster Geduld vollständig zu lesen. Wie kann ein Theaterstück, das sich an den komplizierten Sätzen und Gedanken entlanghanteln muss, funktionieren?

Sona MacDonald brilliert als Etelka

Die Überraschung: Es funktioniert blendend. Das hat mit der intelligenten, witzigen Fassung zu tun, die Nicolaus Hagg, der auch den René Stangeler spielt, und Bernd Jeschek erarbeitet haben. Das Schwitzen über dem Text, das Doderers vertrackte Satzkonstruktionen notgedrungen erzeugt haben muss, merkt man gar nicht. Es ist, als wäre Doderers Buch ein Theaterstück.

Dennoch dürfte man sich mit dem Verständnis leichter tun, wenn man das Werk gelesen hat. Maria Happel hat inszeniert, und warum ihr dies so prächtig gelungen ist, führt sie selbst vor: klein, rundlich, ein Urbild sinnlicher Spielfreude. Happel brilliert, ob sie als mütterliche Kammersängerin Wett mahnend von den Wünschen trällert, die besser nicht erfüllt werden – oder ob sie als Hausmeisterin Frau Rak authentischer ist als jede echte Hausmeisterin. Dabei stammt die Burgschauspielerin aus dem Spessart. Was sah man da schon für peinliche Parodien österreichischen Dialekts.

Vom Foyer bis zum Dach wird das unverändert nobel verwitternde Hotel mit sprühendem Leben erfüllt. Das Ensemble ist durchwegs überzeugend bis grandios. Die Rollen wirken wie eine zweite Haut. Sona MacDonald spielt Etelka, die exzentrische ältere Tochter des Eisenbahnbauers Stangeler (Rudolf Melichar als würdiger, strenger Sir): Mit flatterndem Wesen und flatternden Lidern fliegt diese Frau der Moderne, die das Gefängnis traditioneller Verhaltensformen nicht mehr ertragen kann, von einem Mann zum anderen, bis der Skandal ihres Lebenswandels allzu offensichtlich wird und sie sich mit Schlaftabletten tötet.

Vergeblich versucht Etelkas Mann, der Diplomat Pista (vornehm, still: Roman Frankl), ihr wildes Wesen zu zähmen. Erst verführt sie den ebenfalls im diplomatischen Dienst tätigen Robby Fraunholzer (leidenschaftlich und sehr fesch: Christoph Zadra). Doch als dieser sich scheiden lassen will, ist sie schon bei der nächsten Eroberung angelangt. Nach einem wilden Tanz auf dem Dach des Hotels – das erstmals bespielt wird – bricht Etelka zusammen. Joseph Lorenz, als Prototyp des k.k. Gentlemans beim Publikum der Festspiele etabliert und sehr beliebt, konturiert mit feinen Manieren den grundanständigen Protagonisten Melzer, der nach dem Zusammenbruch der Monarchie bei der Tabakregie unterkommt. Melzer heiratet am Ende die jugendlich-naive süße Thea Rokitzer (reizend: Stefanie Dvorak). Thea hat wie noch andere Frauen zuvor beim zwielichtigen Otto von Eulenfeld Station gemacht: Jürgen Maurer zeigt ihn mehr als Getriebenen denn als Gauner. Eva Herzig stattet die Zwillingsschwestern Pastré mit Charme aus: Editha will für ihren künftigen Mann Zigaretten in großem Stil schmuggeln und spannt ihre Schwester Mimi dafür ein. Sie soll Melzer umgarnen und ihm die nötigen Papiere für den Schmuggel entlocken, Mimi, die in Südamerika verheiratet ist und nur kurz in Wien, verliebt sich aber in Melzer und er ein wenig in sie. Rainer Frieb hat als Kiebitz der Ereignisse, Georg von Geyrenhoff, das erste und das letzte Wort.

Die Aufführung lebt u. a. von malerischen filmischen Perspektiven. Selten findet man die (Wiener) Gesellschaft so treffend abgebildet. Selten ist die Illusion für den Besucher, mitten drin zu sein, so nachhaltig.

„Strudlhofstiege“
Wiener Zeitung (Andreas Unterberger), 07.07.2009

Und es ist sogar ein gutes Stück…!

Das sind halt solchene Sachen. Wenn man aus einem solchenen Roman wie der Strudlhofstiege eine solchene Sache wie ein Theaterstück machen will, dann muss das wohl schiefgehen.

Ein Romanwerk, in dem sich über Hunderte Seiten Menschen des gehobenen Wiener Bürgertums und Kleinadels meist ohne sonderliche (für eine Dramatisierung in der Regel hilfreiche) Action über ihre Belanglosigkeiten unterhalten, über Affärchen und sonstigen Tratsch, über Freizeitgestaltung, über Befindlichkeiten und Alltäglichkeiten – ein solcher Roman kann ja nur dann gelingen, wenn ihn ein Heimito von Doderer schreibt, mit seiner genialen Beobachtungsgabe, mit seiner ironischen Distanz, mit seinem unvermittelt den Leser anspringenden Wortwitz. Mit seinen Dialogen, die man verschlingt, egal wo man in das Buch hineinsteigt, egal wie wenig sich eigentlich tut.

Doderer demonstriert totale Empathie für sein eigenes bürgerliches Biotop, macht aber auch immer wieder deutlich, dass er einer so saft- und kraftlos gewordenen Schicht kaum noch die Energie zu relevantem Handeln zutraut. Sein erfahrener und tiefer Blick in die Seelen der Menschen wird aber zugleich durch sympathiebeladene Einfühlung vor einem allzu vernichtendem Urteil bewahrt. Da ja Doderer im Grunde gar nicht urteilt.

Kluge Szenenauswahl

Wie nur soll ein so kompliziert-faszinierendes Zartgewebe mit solchen Dimensionen auf die Bühne des Südbahnhotels am Semmering transferiert werden?

Doch trotz aller Skepsis: Es gelingt. Fast wie durch ein Wunder.

Fast könnte man meinen, die von Nicolaus Hagg (der auch selbst auf der Bühne brilliert) und Bernd Jeschek geschaffene Fassung habe bei aller Werktreue ihre Wurzeln schon vor dem Roman. Eine geschickte Auswahl von elegant ineinanderfließenden Szenen, von Situationen, von Blödeleien, erotischen Möglichkeiten, Intrigen, Unglücksfällen und dann noch einem versuchten Zigarettenschmuggel – das alles ergibt letztlich sogar eine bühnenreife Handlung. Und nur wenige Minuten lang taucht knapp vor der Pause die Gefahr auf, dass das Ganze in die befürchtete Fadesse abgleitet. Sonst ist man aber Gast – korrekter: Teil einer überaus schwungvollen wie konsistenten Produktion.

Jedoch: Vor Nachahmung wird dringend gewarnt!

Solchene Sachen können nur mit einem solchen exzellenten Ensemble gelingen, mit einem so idealen Spielplatz, mit einer so überragenden Regisseurin. Fehlt auch nur eine Winzigkeit dieser Ingredienzien, würde die dramatisierte Strudlhofstiege einstürzen. Zumindest müsste wegen Glatteisgefahr gesperrt werden.

Noch nie haben die Reichenauer Festspiele so viele verschiedene Schauplätze in der dekadent-luxuriösen Hotelruine bespielt. An zwei Orten verfolgt man die Geschehnisse stehend (einmal auf der neuerdings mit einem Regenschutz gesicherten Dachterrasse), an zwei anderen sitzend.

In die langen Prozessionen der Zuschauer von einer Spielfläche zur nächsten drängen sich die Schauspieler, fungieren am Rand der Prozession als lebende Bilder. Wohin würde es auch besser als ins Südbahnhotel passen, wenn die Schauspieler Ausflüge auf die ums Fenster hereinlugende Rax besprechen? Wo sonst kann der Verfall einer Epoche in so eindrucksvollem Parallelschwung zwischen Text und Ambiente demonstriert werden?

An diesem Ort vermag sich ein ganzes Ensemble voll Spiellust an den Beginn des 20. Jahrhunderts zu versetzen. Es wäre müßig, jetzt jeden Akteur einzeln zu loben. Und dass die Festspiele ohne die Zwischentöne eines Joseph Lorenz (diesmal als unbedeutend-bedeutender, als versagender wie umschwärmter, als entschlussschwacher wie konsequenter, als vornamens- wie energiefreier Melzer) nicht mehr vorstellbar sind, ist allen Stammgästen schon längst bewusst.

Maria Happels Triumph

Aber am meisten Anteil am Erfolg hat wohl die Regisseurin Maria Happel. Sie hat ihren Kollegen auf der Bühne so viel Schwung und Lust injiziert, dass daraus ein Fest für Schauspieler wird. Und in den Szenen, in denen sie als Hausmeisterin beziehungsweise Opernsängerin auch selbst mitspielt, erntet sie mehrfach Szenenapplaus.

Das alles ist so eindrucksvoll, dass man sich fast den Einwand ersparen möchte, dass Stefanie Dvorak die Thea, also das einfache Mädl aus der Vorstadt, zu sehr herunterdodelt (ganz im Stile Happels). Es ist aber doch recht merkwürdig, dass ausgerechnet diese grenzdebile Thea plötzlich Melzer aus einer von diesem nicht erkannten Gefahr zu retten vermag und von ihm umgehend einen Heiratsantrag erhält.

Zu hoffen bleibt nur, dass es Happel bis zu den nächsten (ausverkauften) Vorstellungen noch schafft, ins Verbeugungs-Chaos während des Jubels der Zuschauer Ordnung zu bringen. Ein unvergesslicher Abend, wenn nur noch solchene Kleinigkeiten zu kritisieren bleiben.

„Elling“
Kurier, 16.10.2003

Der Verrückte von Oslo – witzige Odyssee ins Glück

Verloren stehen sie in ihrem neuen Heim, das ihnen die Stadt Oslo zur Verfügung gestellt hat. Jetzt also beginnt das Leben abseits der psychiatrischen Klinik, in der Elling und Kjell Bjarne Jahre verbracht haben. Ein ungleiches Paar, das die Außenwelt erobern will. Zwei Goldfische als Haustiere, der Einkauf von Lebensmitteln als tägliche Bewährungsprobe und das anfänglich geschmähte Telefon als heißer Draht zu willigen Frauen – im Theater Drachengasse stolpern Elling und Kjell Bjarne mit Erfolg ins Leben.

Axel Hellstenius hat den Roman „Blutsbrüder“ von Ingvar Ambjørnsen zu einem Theaterstück verarbeitet; als Film wurde „Elling“ für den Ausland-Oscar nominiert. Und auch die österreichische Erstaufführung in der Drachengasse ist ein komödiantischer Volltreffer. Behutsam und mit viel Witz führt Regisseur Michael Gampe seine beiden Anti-Helden durch jedes emotionale Chaos, zeichnet feinfühlige Porträts der Außenseiter, wahrt in Erich Uiberlackers Bühnenbild die Balance zwischen Ironie und Tragik.

Dass diese Produktion so gut funktioniert, liegt aber auch an Nicolaus Hagg als neurotisch-eifersüchtiger Elling sowie an I Stangl als unbeholfenes Riesenbaby Kjell Bjarne. Michael Pink und Claudia Marold fügen sich in ihre Rollen ein und folgen den Chaoten bei ihrer humoristischen Odyssee.

„Elling“
Wiener Zeitung, 16.10.2003

Wie Zwei die Welt erobern

Die Verfilmung war hervorragend und ich muss gestehen, ich ging „mit ein bisschen Bauchweh“ zur Premiere der österreichischen Erstaufführung von „Elling“ ins Theater Drachengasse. Konnte eine Bühnenproduktion dem für den Auslands-Oscar nominierten Streifen standhalten? Sie kann – ja, sie übertrifft durch Spontaneität und Nähe den Film vielleicht sogar noch.

Drehbuchautor Axel Hellstenius hat – nach dem Roman „Blutsbrüder“ von Ingvar Ambjørnsen – sowohl das Buch für die Bühne wie auch jenes für den Film verfasst. „Blutsbrüder“ ist der dritte Band der „Elling“-Tetralogie, und Elling wurde in Norwegen unterdessen zur Kultfigur. Wenn man dort meint, jemand sei schrullig, dann sagt man „er ist ein bisschen Elling“.

Michael Gampe inszenierte die Geschichte von den zwei ungleichen Männern, die aus einer psychiatrischen Klinik in eine von einem Sozialarbeiter betreute Wohnung entlassen werden, unendlich einfühlsam, zart, mit einer Fülle von Details. Packend und berührend, brillant und hochsensibel gestalten Nicolaus Hagg und I Stangl die zwei, die die Welt erobern sollen und wollen und dabei doch solche Angst vor jedem nicht eingeübten Schritt haben. Claudia Marold rührt als Frau, der zum ersten Mal in ihrem Leben ein Mann mit scheuer Zärtlichkeit begegnet. Michael Pink gibt dem Sozialarbeiter viele schauspielerische Facetten. Bühnenbild (Erich Uiberlacker) und Kostüme (Suzie Heger) setzen gekonnt und raffiniert Akzente.

„Elling“
Neue Kronenzeitung, 16.10.2003

Theater Drachengasse: Abenteuer Alltag!

Ein Telefonat, eine Flasche Schnaps, ein Besuch können schon zur Krise führen, geschweige denn die Geburt eines Babys. „Elling“, das Stück über zwei Suchende, die kürzlich aus einer Nervenheilanstalt entlassen wurden, erobert gerade Wien.

Liebevoll hat Axel Hellstenius (nach Ingvar Ambjørnsen) die Geschichte über die beiden Ritter der bitter-heiteren Gestalt geschrieben; Pannen, ein schwieriger Beginn in einer neuen Umgebung und gegenseitige Zuneigung – mit Verlustangst – werden mit sympathischem Schmunzeln gebracht.

Für Schauspieler und Regisseur keine leichte Sache! Legt man es auf den Lacherfolg an, oder versucht man es mit einer ernsthaften Auseinandersetzung? Regisseur Michael Gampe hat sich für einen Mittelweg entschieden: Es darf gekichert werden, er zeigt aber auch Menschliches ohne Larmoyanz.

Gute Schauspielerleistung bieten Nicolaus Hagg als Elling, der zwischen Hysterie und kindlicher Altklugheit eine störrische Welt erkundet und sich von seiner „Berufung“ als Dichter tragen lässt. Als Riesenbaby Kjell Bjarne ist I Stangl eine optisch ansprechende Besetzung, den Gegensatz zu seinem Gegenüber arbeitet er solide heraus. Am Rande überzeugen Claudia Marold und Michael Pink.

Interview mit der Zeitschrift „City“ (10.10.2003)

Nächstenlos

Der schönste Film des Vorjahres kommt ins Theater Drachengasse: I Stangl und Nicolaus Hagg spielen in „Elling“ Ex-Nervenheilanstaltsinsassen – und berichten im Interview über ganz normale Probleme.

Manche klettern auf den Mount Everest, um sich noch zu spüren. Für Elling und seinen Freund Kjell Bjarne beginnt das größte Abenteuer ihres Lebens, als sie nach einem langen Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt eine eigene Wohnung beziehen. Das Telefon abheben oder im Restaurant aufs Klo gehen: Das sind ihre Achttausender.

Mit seiner Verfilmung des Romans „Blutsbrüder“ von Ingvar Ambjørnsen gelang dem norwegischen Regisseur Peter Naess ein wunderbares kleines Meisterwerk. Nun gibt es im Theater Drachengasse die Gelegenheit zu einem Wiedersehen mit den beiden liebenswerten Sonderlingen – auf der Bühne gespielt vom Kabarettisten I Stangl und vom Kärntner Schauspieler Nicolaus Hagg.

City:
Peter Naess meint, in jedem von uns steckt ein Elling oder ein Kjell Bjarne. Inwieweit haben Sie sich in den Figuren wieder entdeckt?
Nicolaus Hagg:
In beiden Rollen geht es nicht um das Psychisch-Kranksein, sondern – wie bei uns allen – ums Überleben mit Nöten, Ängsten, Sehnsüchten und Wünschen. Bei den beiden kommt dazu, dass sie sehr lange isoliert waren, so dass jeder Eindruck für sie neu ist. Sie sind wie zwei Buben, die vor einer Geisterbahn stehen: gleichzeitig neugierig und ängstlich.
I Stangl:
In meiner Figur ist der unterdrückte Choleriker drinnen – und das hat schon ein bisschen was mit mir zu tun. Vielleicht auch der Intelligenzquotient, wenn man bedenkt, wie schwer ich mir den Text merke. (lacht)
Ansonsten sind das Menschen, die scheinbar kleinere Probleme haben als der so genannte normale Mensch mit Job, Familie usw. In Wirklichkeit sind sie genauso groß.
Nicolaus Hagg:
Eine Mathematikschularbeit ist für einen 12-jährigen ein gleich großes Problem wie die Fusion von Bank Austria und CA für einen Manager.
City:
Die Probleme sind nur ein wenig verschoben: Elling fällt es schwer, den Hörer abzuheben; andere – wie ich – schaffen's nicht, auf einen Anrufbeantworter zu sprechen.
I Stangl:
Elling erklärt ja, warum das Telefonieren absurd ist. Für den Zuschauer ist das womöglich hoch interessant, das Telefonieren einmal so zu sehen. Als das Handy aufkam, und ich plötzlich auf der Straße vis-à-vis jemand reden gehört habe mit dem Handy, hab ich mir oft gedacht, das ist doch völlig krank. Heute fällt das niemand mehr auf, wenn einer allein auf der Straße mit so einem Freisprech-Kopfhörer laut vor sich hin spricht: „Ja, du, ich komme!“ Für mich ist das immer noch nicht ganz normal.
City:
Elling fürchtet sich vor allem. Welche Ängste plagen Sie?
Nicolaus Hagg:
Elling hat letztendlich davor Angst, allein zu sein. Das ist auch eine Angst von mir.
I Stangl:
Meine Ängste? Machen wir ein Buch? Eine meiner größten Ängste ist der Tod geliebter Menschen, das Verabschieden. Auch weil ich es nicht gewohnt bin – ich hab das erst einmal erlebt. Kleinere Ängste, Existenzängste, zähle ich gar nicht dazu…
City:
Werden die Phobien und Neurosen, an denen Elling und Kjell Bjarne leiden, allmählich zum Massenphänomen?
I Stangl:
Ich habe vor 20 Jahren Sozialarbeiter gelernt und nur ganz kurz den Job gerochen in der Erwachsenenfürsorge. Was sich da abspielt hat in den Gettos, die bei uns Gemeindebauten heißen, ist ein Wahnsinn. Und ich habe den Eindruck, dass das ärger wird. Unsere zwei Figuren sind augenscheinlich isoliert. Es ist für sie sehr schwer, Kontakt nach draußen aufzunehmen. Aber das unterscheidet sie in Wahrheit nicht sehr von einem Großteil der Leute. Die Isolation schaut vielleicht ein wenig anders aus: Menschen, die nach dem Job nach Hause kommen und sechs Stunden fernsehen.
Nicolaus Hagg:
Wir isolieren die Kranken, die Alten, die Kinder letztendlich, wir isolieren die Pflegebedürftigen. Und eigentlich isolieren sich auch die, die arbeiten, hintern ihren Schreibtischen und Monitoren. Wir praktizieren die nächstenlose Grenzenliebe. Irgendwann drehen Leute dann durch und ziehen sich am Stephansplatz nackt aus. Was die meisten immer noch in einer Spannung hält, dass sie das nicht tun, ist mir fast unerklärlich.
City:
Eine Freundschaft oder Beziehung ist so gesehen das letzte Abenteuer. Das Stück bzw. der Film behaupten, dass dieses Abenteuer auch glücklich überstanden werden kann. Hätte jemand wie Haneke den Film gedreht, wäre er vermutlich ganz anders ausgegangen.
Nicolaus Hagg:
Das ist eben die wienerische Sicht der Dinge: Bevor man sagt: „Passen Sie auf, da vorne liegt eine Bananenschale“, sagt man: „Jetzt wird er glei einisteign.“ Während Elling behauptet, es muss ja nicht sein, es kann auch was Schönes werden. Das ist sehr mutig.
I Stangl:
Das Schwarze, Grantige in diesen Filmen gehört eben zu Wien. Das Schlimmste für mich im Urlaub ist immer, zum Flieger zu kommen und sich in der Schlange nach Wien anstellen zu müssen. Dann hörst du wieder die Schimpfereien und dieses komische Stänkern und Ausrichten von dem, was sie gerade im Urlaub erlebt haben. Das ist schon sehr spezifisch.
Nicolaus Hagg:
Andererseits, wenn man bedenkt, wie kurz ein norwegischer Sommer ist, kann man sich vorstellen, dass man mit solchen Stücken bzw. Filmen ein bisschen mehr Licht hereinzuholen versucht.